"Marlene"

der kaputte Steven

Marlene. Das Boot von der Autobahn.

Es war Liebe auf den ersten Blick. Frühjahr 1993.
Von Berlin kommend, wo ich mit einem Trailer einen alten Mercedes 170 S abgeholt habe, machte ich eine Pause auf einer Raststätte im Bereich der ehemaligen DDR. Auf dem Parkplatz für Gespanne hielt ich neben einem Kombi mit einem Boot am Haken. Es war ein wunderschöner Riss mit einer atemberaubenden Linie: ein Mahagoni-Boot ganz im Stile der alten Rivas. Mein Interesse war geweckt. Sofort wurde der Besitzer in ein Gespräch verwickelt. Es stellte sich heraus, daß das 6 m lange und 1,60 m breite Boot - damals hieß es noch "Herz Ass" (Herzchen mit Ass) aus der Gegend von Köpenick stammte und auf dem Weg zum Steinhuder Meer war, wo es von einer Eignergemeinschaft restauriert und dann gefahren werden sollte.

Es folgte eine eingehende Besichtigung. Das Boot war komplett und in einem durchaus restaurierbarem Zustand. Leider hatte ich, wie schon erwähnt, einen Trailer am Fahrzeug - sonst hätte ich "Herz Ass" gleich an mein Fahrzeug gehängt und mit nach Hause genommen...
So verabschiedete ich mich vom freundlichen Besitzer mit den Worten: "Sollten Sie das Boot jemals verkaufen wollen, rufen Sie mich bitte an." Wenige Tage später erhielt ich einen Anruf, ob ich "Herz Ass" noch erwerben wolle. Die Eignergemeinschaft hatte wohl herausgefunden, daß ein solches Boot für ihre Zwecke nicht optimal sei. Zum problemlosen Herumdüsen ist eine pflegeleichte Plastikschüssel wesentlich besser geeignet. Also sollte das Boot wieder verkauft werden.

Der Preis stimmte und wir wurden handelseinig. Wie es der Zufall wollte, gab es in der Nachbarschaft der Besitzer einen Händler für Bootstrailer, der einen passenden Anhänger auf dem Hof stehen hatte. Nach einigem Organisationskram wurde das Boot mit Hilfe der Eignergemeinschaft auf den neuen Hänger gehievt und ab ging es Richtung Heimat.

In der Zwischenzeit hatte ich in meiner Umgebung einen Bootsbauer ausfindig gemacht, der sich ausschließlich mit der Herstellung und Reparatur von Holzbooten befasst. Hier sollte das Boot begutachtet und gleich die nötigen Holzarbeiten durchgeführt werden. Die weiteren "niederen Arbeiten" wie das Abschleifen der Holzoberflächen konnte ich dann auf dem Betriebsgelände selbst erledigen.

Die erste Begeisterung bei der Besichtigung wich der Ernüchterung, als sich herausstellte, daß der Rumpf neben den sichtbaren Löchern im Heckbereich noch eine Überraschung bereithielt. Findige Menschen hatten einen großen Teil des Stevens durch eine Schaumstoff-Konstruktion mit gut getarnter "Mahagoni-Oberfläche" ersetzt. Die Arbeit war so "gut" gemacht, daß sie erst bei der Inspektion des Vorschiffes von innen auffiel. Offensichtlich hatte es - mangels eines Wendegetriebes -einen heftigen Aufprall auf ein stabiles Hindernis gegeben, der den Steven doch erheblich in Mitleidenschaft gezogen hatte.

Fazit: Nicht nur im Heckbereich waren Planken zu ersetzen, auch ein komplett neuer Steven musste eingebaut werden. Nach Abschluss der Holzarbeiten wurde das Unterwasserschiff mit einer Laminatschicht überzogen. Für Puristen: Da der Schiffsboden bereits aus Sperrholz bestand, konnte man da ja nichts mehr versauen. Durch den Unterwasseranstrich sieht man es sowieso nicht. Bei einem Schiffsboden aus Planken wäre die Entscheidung anders gefallen. Ein großer Vorteil ist die erhöhte Stabilität des Rumpfes gegen mechanische Einflüsse. Häufiges Slippen und längeres Trailern werden dadurch problemlos.

Nach diesen Arbeiten erfolgte die Rumpfkosmetik: Schleifen, Grundieren, Schleifen, Lackieren, Schleifen, Lackieren, Schleifen, Lackieren, Schleifen, Lackieren bis endlich eine anständige Oberfläche erzielt war und der Rumpf ganz passabel aussah. Der Innenbereich wurde ebenfalls geschliffen und mit Klarlack versehen.

Das alte Armaturenbrett wurde mit Mahagoni-Sperrholz aufgedoppelt. So konnte eine neue Teleflex-Lenkung mit einem historischen Holzlenkrad montiert werden. Eine Reihe aufgearbeiteter VDO-Oldtimerinstrumente rundete die Armaturenbrettgestaltung ab. Für die Steuerung von Motor und Getriebe wurde eine Morse-Einhebelsteuerung eingebaut.

Die alte Sitzgarnitur aus Holzbrettern mit Schaumstoff/Plaste-Überzug war nicht mehr zu verwenden und wurde durch eine Sitzgarnitur aus einem frühen Citroen 2 CV ersetzt. Diese "Hängematten-Sitze" aus Stahlrohr sind federleicht und bieten einen schon sprichwörtlichen Sitzkomfort. Das Aufarbeiten und Polieren sämtlicher Aluminiumteile - davon gibt es ganz schön viele! - nahm einige Zeit in Anspruch. Bei dieser Gelegenheit wurden gleich sämtliche Glasscheiben durch Verbundglas ersetzt. Sicher ist sicher!

Apropos Sicherheit: Die originalen Positionslampen wurden natürlich wieder montiert. Um den Ansprüchen des Gesetzgebers zu genügen, gibt es zusätzlich eine abnehmbare DHI Beleuchtung. Diese besteht aus einer steckbaren Zweifarbenlaterne am Bug und einer weißen Rundumleuchte auf einem Alu-Rohr im Heckbereich. Wenn es dunkel ist, sieht man den modernen Kram sowieso nicht und die Wasserschutzpolizei ist auch zufrieden!

Inzwischen war es September 1997 geworden. Noch im selben Monat sollte der"Stapellauf" stattfinden. Bei all den gravierenden Änderungen am Boot wurde dann auch gleich der Name mit geändert. Aus dem etwas fragwürdigen "Herz Ass" wurde die damenhafte "Marlene"- ein Name, der der Erscheinung dieses Bootsklassikers durchaus angemessen ist! Getauft wurde natürlich mit "Rotkäppchen"-Sekt.

Doch auch die Technik erforderte noch erheblichen Aufwand. Um die Geschichte mit dem Steven nicht zu wiederholen, mußte zuvor noch ein Wendegetriebe an Stelle des alten durchgeblockten Opel?-Getriebes eingebaut werden. Anfangs sollte es ein Lewo 25 Getriebe sein. Nach reiflicher Überlegung und dem Studium der technischen Daten entschied ich mich allerdings für ein altes hydraulisches Velvet 70C Getriebe. Hiermit gibt es keine Probleme mit der Drehzahl und der Leistung.

Leistung, die der regenerierte 50 PS Wartburg-Motor allerdings nur unwillig abgibt. Mit dem zur Zeit montierten 40er Vergaser erreicht der Motor nur dann einigermaßen brauchbaren Schub, wenn mit dem Choke der Ansaugquerschnitt verringert wird. Alle Experimente mit verschiedenen Kraftstoffpumpen- auch elektrisch betriebenen- brachten keine Änderung. Bei dieser Gelegenheit wurde auch noch der alte Zinkblech-Tank mit Kraftstoffentnahme von unten ausgetauscht. Bei einem Motorrad mag diese Technik ja funktionieren. Wenn´s da tropft, dann belastet es allenfalls die Umwelt - nicht schön aber ungefährlich. Bei einem Boot bedeutet Otto-Kraftstoff in der Bilge aber eine Katastrophe. Auf diese Weise haben schon einige Eigner ihr Schiff zu einem Voll-Cabriolet gemacht. Ein neuer Edelstahltank mit Entahme von oben läßt dieses Problem erst garnicht aufkommen.

Aber zurück zum Fahrbetrieb - um die fehlende Motorleistung auch endlich in den Griff zu bekommen werde ich in diesem Winter noch so einige Sachen ändern. Zuerst wird der alte Stahl/Asbest-Schalldämpfer gegen einen Alu-Dämpfer ausgewechselt. Weiter warten noch eine elektronische Zündanlage und ein neuer Jikov-Vergaser auf den Einsatz. Vielleicht klapp´s dann ja auch mit der Motorleistung...

Weitere Bilder folgen.

Text & Bilder: Martin H. Jernasz

 
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